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Die Neuner

Die Pazifisten. Die Mediatoren. Die Harmoniebedürftigen. Neuner sind sanftmütige, feinfühlige und vor allem friedliebende Menschen, die sich gerne treiben lassen und vertrauen, dass das Leben sie schon ans richtige Ufer spülen wird. Sie strahlen eine unendliche Ruhe und Gelassenheit aus und haben sanfte, warme Augen, die dem anderen vermitteln, verstanden zu sein. Mit ihrer Empathie-Fähigkeit haben Neuner eine fast magnetische Anziehung. Absolut jede Person fühlt sich mit ihnen wohl, und so mangelt es Neunern nie an Freunden. Sie erscheinen ego-los, und das liegt daran, dass sie im Gegensatz zu allen anderen Ausprägungen keine verzerrte Sichtweise haben; sie übernehmen im Enneagramm den obersten Punkt und haben eine klare, besonnene Sicht über die Welt. Neuner besitzen also die Fähigkeit, durch jede Ego-Linse der anderen acht Typen zu schauen und sogar das zu fühlen, was das Gegenüber fühlt, und nehmen dabei ihre eigenen Emotionen nicht wahr. Diese automatische Dissoziation zu ihrer Gefühlswelt rührt aus einem zentralen Bedürfnis nach Harmonie, die es zu wahren gilt. Somit leben Neuner in einem ständigen Vermeiden von Konflikten. Da im Anderssein und den verschiedenen Sichtweisen jeder Persönlichkeit ein gewaltiges Konfliktpotential liegt, passen sich Neuner instinktiv an das Gegenüber an, verschmelzen regelrecht mit der Person und vergessen, für sich und ihre eigene Position einzustehen.

Neuner haben als Kinder gelernt, dass man leichter durchs Leben kommt, indem man sich ruhig verhält. Sie wollen ihren Eltern nicht zur Last fallen, deshalb üben sie sich von klein auf in Angepasstheit. Je weniger sie rebellieren, desto leichter ist der Alltag für die Eltern, die womöglich schon sehr viel zu bewältigen haben. Da aber in der Realität Konflikte einen Bestandteil des täglichen Lebens ausmachen, haben Neuner einerseits die Fähigkeit, potentielle Streitsituationen zu schlichten, indem sie die Rolle der Mediatoren übernehmen und versuchen, Verständnis zwischen den argumentierenden Parteien herbeizuführen. Andererseits gehen sie Streit aus dem Wege, indem sie sich in ihre innere Oase flüchten. Das ist ein Ort, in dem sie inmitten unstimmiger Situationen in ihr Equilibrium zurückfinden. Sie schalten komplett ab und verlassen gedanklich und emotional das Geschehen. Das kann mehrmals an einem Tag geschehen. Man sagt daher, dass Neuner oft zu ihren Bedürfnissen und Wünschen einschlafen. In wachen Momenten spüren sie, wohin sie ihr Leben lenken möchten, doch die Furcht, die Harmonie zu stören, welche jede Änderung unweigerlich mit sich bringt, lässt sie Entscheidungen verzögern und sogar dankbar sein, wenn diese Aufgabe von anderen übernommen wird. Somit kann man sie auch nicht zur Rechenschaft ziehen, sollten Probleme auftauchen. Manche Neuner sind träge und lethargisch, aber in den meisten Fällen suchen sich Neuner eine Arbeit, in der sie einfach nur in Ruhe gelassen werden. Sie bevorzugen gewohnte und monotone Tätigkeiten, in denen sie mit Autopilot fahren und in denen Störfaktoren minimal sind. Gemütlichkeit steht im Vordergrund, und wie Balu im Dschungelbuch lieben Neuner die kleinen Dinge im Leben. So lassen Neuner gerne ganze Tage verstreichen, in der Hängematte liegend, die Ameisen beobachtend, den Vögeln beim Zwitschern lauschend, beim Luftschlösser Bauen. Sie wissen die Schönheit in allem zu erkennen und zu schätzen, und geben den anderen immer einen Vertrauensvorschuss. In vieler Weise strahlen Neuner eine Ruhe aus, die von anderen bewundert wird, da sie mit Weisheit assoziiert wird. Jedoch ist dies meist kein gewachsener Frieden, denn tief unter der Oberfläche brodelt die gestaute Wut. Neuner leben nach dem Motto „Leben und leben lassen“. Fühlen sie sich in ihrem Frieden gestört und angegriffen, gehen sie auf passiven Widerstand. Das äußert sich in einer unendlichen Sturheit, indem sie ja sagen, nein meinen und das Gegenüber für dessen Anspruch verachten. In der unterschwelligen Aggression bleiben Neuner unangreifbar und zeigen zugleich der Person, die Staub aufwirbelt, ihre Grenzen auf. Neuner wirken wie treue Freunde, sie sind geduldige Zuhörer, aber ein Teilen von Leid oder Ratschläge in schwierigen Situationen braucht man sich nicht erwarten, denn Neuner „lösen“ ihre Probleme, indem sie „abwarten und Tee trinken“. Besonders konfliktscheue Neuner sind die klassischen Schönwetterfreunde. Kommt es zu Schwierigkeiten, die ihre Initiative erfordern, sind sie die ersten, die sich verabschieden und so verlieren sie die Verbindung zu Menschen, die ihnen womöglich sehr wichtig sind.

 

Die Tragik der Neuner besteht darin, dass sie nicht wissen, was sie wirklich wollen und deshalb orientierungslos sind und ihre wertvolle Zeit vertrödeln. In ihrer Zerstreutheit, im sich-mit Kleinigkeiten-Ablenken und ständigen Aufschieben von wichtigen Entscheidungen, sind sie Beifahrer in ihrem eigenen Leben, anstatt hinter dem Steuer zu sitzen. Um ein zu spätes und böses Erwachen, dass sie gar nicht wirklich gelebt haben, zu vermeiden, ist es absolut essentiell für Neuner ihre Kernmotivation zu finden, um eine Energiekraft anzuzapfen, die stark genug ist, um sie aufzuwecken und die sie dazu motiviert, aktiv zu werden. Da für Neuner Friede und Harmonie Wahren ihr täglicher Antrieb ist, könnte Friede und Harmonie Schaffen der Weg in die Präsenz und Verbundenheit sein. Ein weiterer Schritt ist die Erkenntnis, dass Konflikte oft notwendig sind, um längerfristige Harmonie zu gewährleisten und ihr Wohlbefinden zu sichern. Sie werden erkennen, dass die Furcht vor dem Konflikt schwerer wiegt als die Auseinandersetzung mit dem Konflikt, und dass wahrhaftige, innere Harmonie die Früchte hervorbringt, die sie ernten. Es wird ihnen leichter fallen, ihre Gefühle und Gedanken in ihre Taten fließen zu lassen und in ihrem Leben die Hauptrolle zu übernehmen.

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