
Die Fünfer
Die Beobachter. Die Forscher. Die Eigenbrötler. Fünfer sind sehr private und zurückgezogene Persönlichkeiten, da sie die Außenwelt als bedrohlich wahrnehmen und sie sich im Alleinsein sicher fühlen. Sie ziehen sich in ihre Gedankenwelt zurück, wo sie Kraft schöpfen und ihre Batterien aufladen. Sich im Getümmel, unter Menschenmengen zu bewegen ist regelrecht körperlich erschöpfend für die hochsensiblen Fünfer. Die Zurückgezogenheit der Fünfer rührt daher, dass sie meist in Familien aufgewachsen sind, die aus vielen oder sehr dominanten Menschen bestanden, von denen sie sich überrannt fühlten und sie somit selten Zeit für sich selbst fanden. Seltenere Fälle sind Fünfer, die in einem isolierten Haushalt aufwuchsen und kaum körperliche Nähe kannten. Aus diesem Grund versuchen Fünfer generell nicht aufzufallen, damit die anderen nicht auf die Idee kommen, sie womöglich in ein Gespräch zu verwickeln und ihnen persönliche Fragen zu stellen. Solche Annäherungsversuche können bei Fünfern zu starker Beklemmnis führen, denn die andere Person wird als Eindringling wahrgenommen. Aber auch Smalltalk ist höchst frustrierend und ermüdend und erscheint als reine Zeitverschwendung. So haben Fünfer gelernt, sich unsichtbar zu machen und in die stille Beobachterrolle zu schlüpfen. Dabei entgeht ihnen nichts, denn sie sind mit einem Adlerauge und einem messerscharfen Verstand ausgestattet. Ständig darauf ausgerichtet, ihr Wissen eigenständig zu erweitern, sind Informationsquellen wie Bücher ihre vertrautesten Freunde. Großes Glück empfinden Fünfer in ihren eigenen bescheidenen vier Wänden sitzend, umgeben von stapelweise Lektüre, wo sie ungestört in Welten abtauchen, die für andere in keinster Weise zugängig sind. Wie Alice schlüpfen sie durchs Hasenloch in ihr Wunderland und gehen dort auf Entdeckungsreise. Fünfer sind Experten und Spezialisten in dem Bereich, der sie fasziniert. Oft handelt es sich dabei um natur- und geisteswissenschaftliche Mysterien, wobei das Ziel darin besteht, weit über den Tellerrand des bisher Studierten hinauszuspähen und etwas zu erkunden, was zuvor niemand entdeckt hat. Sie machen nicht Halt bevor sie nicht jeden verstecktesten Winkel beleuchtet haben, denn alles, was sie nicht wissen und verstehen, erscheint wie ein großes schwarzes Loch, das sie zu verschlucken droht. Dieses Loch wird mit Wissen gefüllt, um einen Platz auf dieser Welt zu sichern, in der sie ansonsten unterzugehen drohen. Die Gefahr dieser Wissensgier besteht darin, dass Fünfer sich in ihrer Welt leicht verirren und sich immer mehr von ihren Mitmenschen und der wirklichen Welt entfernen. Im Extremfall ist Fanatismus nicht auszuschließen. In all dem vergessen sie auch gerne auf die Notwendigkeiten des Lebens. Fünfer geizen gerne mit Wissen bei den anderen und mit Materiellem bei sich selbst. Am wohlsten fühlen sie sich in einer minimalistischen autonomen Existenz. „Da ich nichts brauche, bin ich unabhängig und schulde niemandem etwas, also kann auch niemand etwas von mir einfordern. Ich werde in Ruhe gelassen“, lautet die Strategie der Fünfer, um sich ihre Privatsphäre zu sichern. Besonders emotionale Menschen, die mehr Interesse an ihrer Person als an ihrem Wissen zeigen, scheinen ihnen besonders verdächtig. Menschliche Wärme, kombiniert mit versuchtem Körperkontakt, lässt Fünfer zurückschrecken und mit Argwohn reagieren. „Was will diese Person von mir?“ ist dabei der erste Gedanke. Fünfer werden daher häufig als abweisend, kalt und arrogant wahrgenommen. Da andere Menschen sich nach einer Abfuhr ebenso zurückziehen, tut sich oft eine schwer überwindbare Schlucht zwischen Fünfer und dem Rest der Welt auf. Das Herz eines Fünfers erobert man daher nur mit viel Geduld und einem langsamen Aufbauen von Vertrauen, da selbst die eigenen subtilen Gefühle für Fünfer oft überwältigend und sehr schwer zuordenbar sind. Aus diesem Grunde können sie erst dann Emotionen mit zeitlicher Verzögerung wahrnehmen, wenn sie alleine sind und die Ruhe haben, alles zu verarbeiten.
Wie ein Schwamm saugen Fünfer Eindrücke auf und speichern jedes Detail, wobei die komplexen Zusammenhänge erst greifbar und erklärbar werden, nachdem sie die Fülle der Information abgrenzen, gliedern und ordnen konnten. Das Zusammenfügen vieler Puzzlestücke und das Erkennen großer Zusammenhänge und Analogien erfüllt Fünfer dann mit tiefem Vertrauen und Glückseligkeit. Die fehlende geistige Komplexität der Anderen frustriert Fünfer immens, und daher ziehen sie sich mehr und mehr in ihr Schneckenhaus zurück, wobei sie sich ihrer Isolation schon schmerzhaft bewusst werden, da sie oft keinen Weg sehen, aus diesem Teufelskreis auszubrechen. Aus diesem Grund ist es nicht außergewöhnlich, dass Fünfer die menschliche Psyche studieren und zum Beispiel von der Vielschichtigkeit des Enneagramms fasziniert sind. Oft nähern sie sich im Verstehen der unterschiedlichen Persönlichkeitsstrukturen dem Menschen an.
Essentiell ist für Fünfer dabei die Erkenntnis, dass es neben geistiger Intelligenz auch körperliche und emotionale Intelligenzen gibt, die genau gleich wertvoll sind und sie in den Bereichen von anderen Menschen viel lernen können. Schaffen Fünfer es, aus ihren Beobachtungen heraus zu handeln und einen Schritt auf die Menschen zuzugehen, Empathie zu empfinden und aufrichtige Anteilnahme zu zeigen, werden sie einen direkteren Zugang zu ihren eigenen Gefühlen finden und somit eine Brücke zur wirklichen Welt schlagen. Eine weitere Herausforderung besteht darin, sich in ihrem Körper zuhause zu fühlen und zu lernen, intuitiv im richtigen Moment in Aktion zu treten. Tiefe Verbundenheit, Sinnhaftigkeit und Sicherheit werden Fünfer verspüren, wenn sie ihr wertvolles Wissen mit der Welt teilen und die Menschheit in ihrer Entwicklung einen Schritt weiterbringen.
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