
Die Einser
Die Weltverbesserer. Die Ideologen. Die Perfektionisten. Einser sind höchst verantwortliche, passionierte und korrekte Persönlichkeiten, die nach dem Motto leben: „Viele kleine Leute, an vielen kleinen Orten, die viele kleine Dinge tun, werden das Antlitz dieser Welt verändern“. Nichts wünschen sie sich sehnlicher, als dieses Szenario verwirklicht, denn sie wissen, dass dies tatsächlich möglich wäre, wenn jeder seinen Beitrag dazu leisten würde. Die Problematik liegt für Einser darin, dass nur wenige Menschen solch hohe Ansprüche, Moralvorstellungen und Ideologien besitzen und bereit sind, Abstriche in ihrem privilegierten Leben zu machen. Diese als extrem ignorant wahrgenommene „Geht-mich-doch-nichts-an“- Einstellung bringt Einser mitunter in die pure Verzweiflung, denn sie wissen, dass sie alleine die Welt nicht retten können. Es ist für Einser schier nicht nachvollziehbar, wie die anderen das drohende Unheil nicht sehen und komplett sorglos und naiv durchs Leben schlendern, und sie neigen sogar dazu, die Haltung der anderen als persönliche Provokation wahrzunehmen. Aber auch wenn Einser andere oft als faul und undankbar abstempeln, wünschen sie sich insgeheim, dieselbe Sorglosigkeit und Leichtigkeit zu besitzen und sehnen sich nach mehr Spaß in ihrem Leben. Jedoch sehen sie die unschöne Realität und die Notwendigkeit, Dinge wieder „in Ordnung“ zu bringen und sind somit überzeugt davon, dass man sich Glück erarbeiten muss. Das ist ein Glaubenssatz, den sie von klein auf mitbekommen haben. Einser wuchsen meist in einem Haushalt auf, wo die Devise galt: „Nicht geschimpft ist genug gelobt“ und/oder wo ihnen Ernsthaftigkeit und Disziplin vorgelebt wurde und kleine Ausrutscher und Fauxpas als Weltuntergang angesehen wurden. Der Glaube, immerzu fleißig und vor allem „gut“ sein zu müssen, manifestiert sich in Form eines inneren Kritikers, der jedes Tun und Sein kommentiert und prüfend untersucht. Dabei fangen sie bei sich selbst an und sind äußerst unnachgiebig. Alles und jeder wird gewertet und bewertet. Einser haben dabei einen Fokus auf all das, was ihrer Meinung nach korrigiert und optimiert gehört und nehmen dabei die Welt in schwarz und weiß wahr, in richtig und falsch, als gut und böse. Dieses zwanghafte Fehler–Ausbügeln kommt aus der unbewussten Angst heraus, Kontrolle zu verlieren und vom Schicksal bestraft zu werden. Auf externe Kritik reagieren sie jedoch höchst sensibel, denn sie alleine setzen den Maßstab und befinden sich in ständiger Selbst-Evaluation.
Um die Übersicht über alle Pflichten zu bewahren, lieben Einser To-Do-Listen, wo sie mit großer Genugtuung die Posten abhaken. Kurze Momente des Friedens stellen sich dann ein, wenn plötzlich Struktur, Ordnung und somit Kontrolle in ihrem Leben herrscht. Die Listen sind jedoch unendlich, denn wenn die anderen ihren Job nicht oder nicht richtig machen, fühlen sich Einser bemüßigt, einzugreifen und somit halsen sie sich viel zu viel Arbeit auf. Liebend gerne übernehmen sie die aufklärende und belehrende Rolle und geben mitunter ungefragt Ratschläge. Werden diese nicht angenommen, benötigt es ungemein viel Selbstbeherrschung, die aufsteigende Wut zu unterdrücken. Gelingt ihnen dies jedoch, reagieren sie dann oft übertrieben höflich, denn das erfordert die Einser-Etikette. Der Unmut besteht aber weiterhin und lässt sie ungeduldig, nörgelnd, rechthaberisch und pedantisch werden. Da ihre Wut kein Ventil hat, stehen Einser innerlich unter extrem hohem Druck, welcher sich in einer steifen, wenig entspannten Körperhaltung und einem unsichtbar erhobenen Zeigefinger zeigt. Wird die Wut zu gewaltig, können Einser recht sarkastisch, ungehalten und bissig werden oder regelrecht explodieren. In diesen Momenten bekommt die Außenwelt einen Einblick, wie lieblos Einser unentwegt mit sich selbst umgehen. Sie befinden sich tatsächlich in einem Teufelskreis, denn je erschöpfter sie werden, umso lauter wird der Kritiker, der sie für vergangene Fehler beschimpft und sie antreibt, höhere Leistungen zu erbringen und dabei keine wertvolle Zeit zu verlieren. Soziales Vergnügen schieben sie deshalb für dann auf „wenn alles erledigt ist“, was bei all dem wahrgenommenen Elend und Mängeln auf dieser Welt fast ein Ding der Unmöglichkeit ist. Es ist deshalb kein Wunder, dass Einser sehr oft im Burnout oder in der Depression landen.
Wenn Einser merken, dass sie mit ihren hartnäckigen Versuchen, eine schönere Welt zu kreieren, ihr eigenes Leben alles andere als schön gestalten, kann ein Erwachen geschehen. Machen sie sich zusätzlich bewusst, dass alle Menschen mit blinden Flecken geboren wurden, die sich in „schlechten“ Verhaltensweisen manifestieren können, und dass ihr innerer Zwang, ein „Schlecht“ - Sein zu verhindern, nur eine andere Facette derselben Problematik ist, können sie verstehen, dass ihre Tugend und ihr Weg zum Wachsen in der Akzeptanz der empfundenen Fehler liegt. Einser müssen die schmerzhafte Herausforderung annehmen, loszulassen und in die Richtigkeit des großen Ganzen zu vertrauen, auch wenn aus ihrer Sicht der Dinge ohne ihr Eingreifen Verheerendes geschehen wird. Es gilt für Einser zu erkennen, dass unter ihrem als vorbildhaft präsentierten Verantwortungsbewusstsein das selbstzerstörerische Programm der Aufopferung begraben liegt und sie mit ihrer Kontrolle krampfhaft versuchen, sich in Sicherheit zu wiegen. Lernen Einser ihr Wohl an erste Stelle zu setzen und mit sich selbst nachsichtiger und achtsamer umzugehen, wird sich ihr wahrer Verantwortungsbereich abzeichnen und ihre Großzügigkeit und ihr Einfühlungsvermögen gegenüber den anderen wird stark ansteigen. Indem sie sich selbst und den anderen ihre Unvollkommenheit vergeben, werden sie mehr Gelassenheit, Leichtigkeit und Humor in ihr Leben ziehen. In ihre wahre Kraft kommen Einser, wenn sie ihren Fokus auf das Heilen anstatt auf das Korrigieren und Optimieren legen. Sie können dann im natürlichen, ungezwungenen Leben ihrer Werte zu inspirierenden Reformatoren werden und in einer dankbaren Gewissheit existieren, dass sie ihren Teil zur Kreation einer besseren Welt beitragen.