
Die Sechser
Die treuen Kameraden. Die Skeptiker. Die Herdentiere. Sechser sind äußerst umgängliche, fleißige und verlässliche Menschen. Äußerlich wirken sie meist ruhig und gelassen, während es in ihrem Inneren ganz anders aussieht. Da sie davon überzeugt sind, dass die Welt ein gefährlicher Ort ist, suchen sie bewusst oder unbewusst nach Rückendeckung in der täglichen Aufgabe, in Sicherheit zu sein und zu bleiben. Sie wissen, dass nichts im Leben gratis ist, deshalb erarbeiten sie sich die Unterstützung der anderen mit unendlicher Treue und Fleiß mit dem Fokus, es demjenigen recht zu machen, der Halt gibt. Sechser bauen auf Gemeinsam-sind-wir-stark. Da aber nicht jeder Mensch von Natur aus so gestrickt ist, geben Sechser oft mehr als sie zurückbekommen und erschöpfen sich, ohne es zu bemerken. Viele Sechser berichten von einer Kindheit in der sie nicht die notwendige Stütze von einem oder gar beiden Eltern erhielten, sondern dass diese oft sehr unberechenbar und emotional instabil waren. So konnten sich diese Kinder nie frei bewegen und komplett ausgelassen sein, sondern mussten immer mit einem Auge wachsam und in Alarmbereitschaft sein. Daraus entwickelten sie das Muster „Ich halte mich an Regeln, also werde ich nicht bestraft“, was sie von klein auf bis in das Erwachsenenalter mitnehmen. Wie brave Schüler, die ihre Lehrer fürchten, achten und zugleich hassen, haben erwachsene Sechser ein gespaltenes Verhältnis zu Autoritäten und Institutionen. Einerseits erwarten sie von höheren Instanzen, dass diese ihre Arbeit nach bestem Wissen und Gewissen erfüllen, und gleichzeitig sind sie der Überzeugung, dass Menschen, egal in welcher Position sie sind, ihr Gesicht jederzeit verändern können und man ihnen deshalb nicht blind vertrauen darf. So dienen Sechser ihren Arbeitgebern zwar unermüdlich und gleichzeitig verachten sie sie aber insgeheim dafür, dass man ihnen höchstwahrscheinlich nicht trauen kann. Sechser fragen sowieso immer nach der versteckten Motivation der Menschen: „Was wollen sie wirklich?“ Eine weitere Ausprägung der Sechser liegt in einer Kontraphobie, die sich bemerkbar macht, wenn sie sich gegen ihre Angst aufbäumen und aus einem rebellischen Widerstand heraus sich waghalsig wahren Gefahren stellen.
Sechser legen großen Wert auf Familie, treue Partner, Eigentumswohnung, fixen Job und einen gut gepflegten Freundeskreis. So fühlen sie sich in der großen furchteinflößenden Welt gut aufgehoben. Sechser sind von Natur aus innerlich gehetzt, denn die Gefahr lauert immer und überall, in jeder Ritze, hinter jeder Ecke. Selbst wenn alles gut läuft, ist eine Gewissheit im Hinterkopf, dass kein Glück immerwährend ist, und so halten sie unermüdlich Ausschau nach Indizien dafür, dass bald alles den Bach runterläuft. Es ist wie das sprichwörtliche Damoklesschwert, das über dem Kopf schwebt und jederzeit droht, auf einen niederzufallen. Sechser sind demnach mit einem scannenden Blick ausgestattet, der bewusst oder unbewusst ständig nach Gefahrenquellen sucht um für jede Situation gerüstet zu sein. Es sind die Menschen, deren Tasche einem Erste-Hilfe Kasten ähnelt. Alles Gescannte führt zu einer großen Menge an Sorgen und möglicher Probleme, für welche sofort Lösungen gefunden werden müssen. Dabei gibt es so unglaublich viel abzuwägen, sodass Sechser ihre Gedanken vom Hundertsten ins Tausendste hinaufschaukeln und diese dabei eine schwer kontrollierbare Geschwindigkeit erlangen können. Wenn dieser Prozess, dieses Worst-case-scenario-Denken, nicht gestoppt wird, kann Paranoia eintreten. Man hört Sechser oft sagen „Ich glaube, ich werde verrückt“ und „Das führt mich noch in den Wahnsinn“. Es ist, als ob ihre Gedanken eine eigene Identität bekommen. Man nennt Sechser deshalb auch die Advokaten des Teufels, die alles und jeden hinterfragen. Auch ihre eigenen Gedanken werden mit „Ja, aber“ im bösen Spiel gehalten und nicht abgelegt. So wird auch jede Entscheidung für Sechser zur Tortur. Ein immerwährender Zweifel hält sie davon ab, in Aktion zu treten. Sie beginnen eine endlose Recherche, holen sich Rat von mehreren Quellen, nur um schlussendlich noch verwirrter als zuvor zu sein und dann unter Zeitdruck eine Entscheidung zu fällen, die sie danach natürlich wieder anzweifeln. Somit stellen sie am meisten ihre eigenen Fähigkeiten und ihre eigene Intelligenz in Frage, denn so viele Stimmen im Kopf verwirren und nagen am Langzeitgedächtnis. Da Sechser pessimistisch veranlagt sind, was sie selbst als realistische Veranlagung empfinden, leiden sie an Erfolgsamnesie. Somit ist der Teufelskreis des Selbstzweifels aufrechterhalten und sie züchten im schlimmsten Fall selbsterfüllende Prophezeiungen. Ihre rege Fantasie lässt sie auch nicht nur Gefahren erfinden und aufblasen, sondern in Stresssituation selbst bei ihren engsten Vertrauten böse Absichten vermuten, womit sie sich den Halt nehmen, den sie selbst so sehr brauchen.
Die erste Herausforderung für Sechser besteht darin, sich von ihren wirren Gedanken zu lösen, indem sie aufhören zu versuchen, ihnen zu folgen und sie stattdessen einfach nur da sein lassen und sie als separate Entität ihrer selbst betrachten. Hilfreich dabei ist es, die Aufmerksamkeit auf das Atmen und das Wahrnehmen des Körpers zu lenken um im Hier und Jetzt anzukommen. Meditationspraktiken, Sport, handwerkliche Tätigkeiten und Zeit in der Natur sind für Sechser besonders bereichernd. Wenn sich Sechser als weiteren Schritt immer wieder bewusst machen, dass alles, wofür sie einen Notfallplan schmieden, genauso die Möglichkeit in sich birgt, sich überraschend zum Guten zu wenden und sie in der Reflexion erkennen, wie in der Vergangenheit wahrgenommene Unglücksfälle später sich als Segen erwiesen haben, werden sie sich im Loslassen üben. Dann werden sie zunehmend imstande sein, Vertrauen zu schöpfen und den Mut fassen können, sich vom Leben führen zu lassen, neue Möglichkeiten als Geschenk anzunehmen und mit Freude und Zuversicht in ihre Zukunft zu blicken.